ABC-Etüden 38.39.19 – Arbeitslos


https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/09/15/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-38-39-19-wortspende-von-make-a-choice-alice/

2019_3839_2_300

student-849822_960_720

Roman hockte über seiner Bachelor-Arbeit zum Wirtschaftsmathematiker. Verdammt, heute bekam er nichts auf die Rolle. Seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Vater ging seit mehr als zwei Wochen nicht mehr aus dem Haus. Er hatte seinen Job verloren. Nach 30 Jahren ununterbrochener Tätigkeit in der gleichen Firma hatten sie ihn einfach geschasst. Es gab keinen Platz mehr für ihn, die Produktion musste verschlankt werden. Lean Production war das Zauberwort. Nein, entlassen wollten sie ihn nicht, von sofortiger Freistellung redeten sie mit deftiger Abfindung, wenn er den Auflösungsvertrag unterschreiben würde, den sie ihm vorgelegt hatten. „Erich“, hatte der Betriebsratsvorsitzende gesagt, „wir haben hart verhandelt und wirklich das Beste für Alle herausgeholt. Versteh doch: du bist jetzt 55, dein Sohn ist mit seinem Mathe-Studium so gut wie fertig. Da fallen doch auch für dich dann die Unterhaltskosten weg. Und der Wolfgang, mit dem du zusammen arbeitest, der ist doch erst jung verheiratet. Hat noch sein ganzes Leben vor sich, muss noch sein Haus abbezahlen und das zweite Kind ist bei ihm unterwegs. Da mussten wir einfach variabel denken und zu seinen Gunsten entscheiden. Das verstehst du doch, Erich, oder?“

„Verdammt“, sagte Roman. „Das haben die doch genau ausgerechnet, womit sie günstiger fahren. Ich kenne die Formeln dafür! Habe ICH SELBST denen doch bei dem großzügig von ihnen gewährten Praktikum alles vorgerechnet! Und jetzt wenden sie es auf dich an! Oh, ich hasse mich und mein Studium!“

(234 Worte)

Bilder: lizenzfrei aus www.pixabay.com

hand-65688_960_720

 

14 Comments

  1. Die ist so bitter und zynisch, deine Geschichte. Ich glaube, dass das Alltag ist, nur nicht, dass es oft in derselben Familie zusammentrifft. Habe noch drauf gewartet, dass sie dem Sohn den Job des Vaters anbieten …
    Liebe Grüße, guten Morgen
    Christiane 😦

  2. Jung gegen alt, bzw. erfahren zu tauschen ist auf dem Arbeitsmarkt natürlich ein großes Problem. Besonders bitter wird‘s wenn die Konkurrenz in der eigenen Familie entsteht, weil die Innovationen der neuen Generation Arbeitsplätze wegrationalisieren. Wichtiges Thema sehr gut umgesetzt! 👍🙂

  3. Mit 55 ist der Mann ein paar Jahre zu jung, um für die Freisetzung dankbar zu sein, nehme ich an. Drei Jahre vielleicht. Oder vier. Oder doch nur zwei? Oder fünf? Irgendwann stellen die meisten Menschen wohl fest, dass ihnen die Arbeit nicht mehr so sinnvoll, nicht mehr so locker, nicht mehr so flott von der Hand geht wie früher. Dass der Motor langsamer läuft. Und nicht mehr ganz rund. Wenn dann ein Arbeitsverhältnis WIRKLICH in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst werden kann – am besten mit einer ordentlichen Abfindung – muss es kein schlechter Ausweg sein. Auch wenn es bitter bleibt, denn ein solcher Ausweg ist immer der Weg ins Aus.

    1. Ja, das ist gefühlt immer ein Weg ins Aus, da hast Du recht. Und das ist wohl immer am schwersten zu ertragen, neben dem Neid der Nachbarn, wenn sie von einer „dicken“ Abfindung Wind bekommen haben.

Schreibe einen Kommentar. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden. ommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.