ABC-Extraetüde 40.19 – Konferenz der Buchstaben


Christianes Schreib-Einladung

 

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Konferenz der Buchstaben

Es war gegen Ende des Mittelalters. In Deutschen Landen rumorte es. Es gab große Aufregung unter den Buchstaben, denn das I hatte den Antrag gestellt, den Präsidenten der „Teutschen Vereynygung der Buchstaben im Heyligen Römischen Reich“ zu entlassen. Das I stellte die Machtinteressen des Y in Frage. Denn dieses wollte das Vorrecht in Anspruch nehmen, einzig und alleine als Majuskel auftreten zu dürfen und stets reich verziert zu sein. Selbst das H war hiermit nicht einverstanden und beteuerte, dass es lieber zusammen mit dem I im Heim auftreten würde, als das lästige y in Heym neben sich zu haben. Die anderen Buchstaben riefen zur Besonnenheit auf und verlangten, dass dies Problem im europäischen Rahmen zu lösen sei. Sie bestanden darauf, dass eine EU-Konferenz einzuberufen sei, u. z. mit der Teilnehme von ALLEN Nutzern der lateinischen Schreibweise. Als Gäste und Beobachter sollten auch die Kollegen und Brüder aus den kyrillischen, griechischen und armenischen Schriftbereichen eingeladen werden, allerdings ohne ihnen Stimmrechte zuzuweisen. „Wenn wir uns dem Ziel einer Erneuerung hingeben, dann müssen wir Verzweiflungstaten ausschließen!“, so die einhellige Meinung.

Als Punkt 1 auf der Agenda sollte behandelt werden: sollen wir die Kleinschreibung abschaffen und durch neue Regeln ersetzen?

Sie kamen alle, neben den Deutschen die Franzosen, Engländer auch die Väter der lateinischen Schrift, die Italiener. Aus dem deutschsprachigen Raum wurde nach langer und erfolgreicher Lobby-Arbeit des I und mit reger Unterstützung des J und besonders vom A und O als Kompromiss der Vorschlag vorgetragen, dass man doch nicht alle Buchstaben klein schreiben müsse, sondern auch durch das Herausheben der Buchstabengröße in Verbindung mit einer anspruchsvollen Umgestaltung ein schöneres Schriftbild entstehen könne. Dies auch zum Lobe Gottes. Denn wie hieß es schon in den Heiligen Schriften: seid variabel im Zusammenspiel, und dies ganz besonders wenn ihr euch in längeren Abhandlungen wie Romanen oder ABC-Etüden erfolgreich ins Bild setzen wollt.

Es gab lebhafte Diskussionen unter den Delegationen, ob das denn wirklich sinnvoll sein könne oder dies nur das Verständnis und das Lernen und Schreiben der Sprachen erschweren würde. Aber da die Deutschen die meisten Buchstaben des lateinischen Alphabetes einschl. ß und den Umlauten ä ö und ü vorweisen konnten, hatten sie – trotz Stimmenthaltung des Y – auch die meisten Stimmanteile und das höhere Stimmgewicht. Somit setzten sich am Ende gegen die übrigen Europäer im Alleingang für die „deutsche Lösung“ durch.  Und so kam es, dass im Deutschen auch die ersten Buchstaben aller Substantive nach und nach Großbuchstaben sein durften.

Aber das störte in späteren Jahren die Donaudampfschifffahrtskapitänsassistenten-witwe und noch später das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenüber-tragungsgesetz des Landes Brandenburg wenig.

(422  Worte)

Bilder: lizenzfrei aus www.pixabay.com

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6 Comments

  1. Ich vermisse dich im Reader, lieber Werner 😦 Aber okay, WP … wobei ich an deiner Kalamität schuld bin, ich habe Kommentare mit mehr als drei Links unterbunden und musste dich von Hand freischalten.
    Das ist interessant mit den Buchstaben und liest sich sehr aus dem Leben gegriffen. Falls du dir das nicht nur zusammenfabuliert hast, wollte ich mal nach den Abweichlern fragen: Irgendwann (später?) haben sich aber doch die Bayern für das y und gegen das i entschieden?! Wie ging denn das? (Nein, kein Bayernbashing bitte 🙂 .)
    Und wie schade, dass es „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ nicht mehr gibt. Wie außerordentlich schade.
    Endlich feiertäglich gestimmte Grüße
    Christiane 😉

    1. Hallo Christiane,
      ich habe meine Beiträge selbst auch noch nie im Reader gesehen. Ich schreibe aber auch generell (bis auf die Kommentare) alles im PC. Ist das vielleicht der Grund? Oder hast Du einen Tipp, wie man das „freischaltet“?

      Ansonsten hast Du es schon erkannt, ich habe fabuliert. (Ich picke ja gerne in der Geschichte rum und runde die Ereignisse dann in meinem Sinne mit etwas Fantasie und Verrücktheit ab.) Das Einzige, was echt ist, sind die Zeitangaben „Mittelalter“ und „Barock“, denn bis zum späten Mittelalter wurde bei uns auch alles klein geschrieben. Man sagt, die Großbuchstaben gingen wohl eher von den Klosterbrüdern aus. Ich kann mir gut vorstellen, dass man die damaligen Handschriften besonders herausputzen wollte, und die Versalien vertragen nun ja auch etwas Mehr an Zierrat. Auch Gutenberg mit seiner Bibel dürfte neben den Klerikalen wohl interessiert gewesen sein, seine Kunst besonders wertvoll (und teuer) zu machen.

      Gruß zurück nach Hamburg und vielleicht ja schon ein vorgezogenes Wochenende?

      1. Ein Unterwegs-Wochenende steht mir ins Haus, lieber Werner, und ich bin gerade nur mäßig amused 😦
        Der Reader: Ich dachte, ich hätte schon Etüden von dir im Reader gesehen, aber ich kann mich täuschen. Was das aber angeht: Alles, was bei einem normalen Blog neu auf der Startseite steht, landet automatisch im Reader. Warum es das bei dir nicht tut (ich war gerade seit langer Zeit mal wieder auf deiner Startseite), weiß ich nicht. Oder ist das ganz neu, dass deine Beiträge alle auf der Startseite sind?
        Liebe Grüße
        Christiane

  2. Im ersten Moment glaubte ich auch, dass es sowas tatsächlich gegeben hat. Bei den Wortungetümen, die sich das Beamtentum teilweise aus den Fingern lutscht, ist das schon glaubhaft.
    Tolle Etüde
    Liebe Grüße
    Alice

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