ABC-Etüden 45.46.19 – Operation Kaman


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Teheran, Islamische Republik Iran, September 1980.

„Du musst jetzt aber endlich ausreisen, Herr Kastens. Jeden Abend dieses Himmelsleuchten von den Leuchtspurgeschossen unserer Flugabwehr! Das ist doch unser verdammter Krieg mit den Irakern, nicht deiner!“ „Fasi, nun bleib mal ganz ruhig. Erstens sind die Angriffe nicht auf Teheran gerichtet und zweitens ..“ „Zweitens was? Hör doch auf, dir etwas vorzumachen!“ „Zweitens, Fasi, haben wir noch einige Projekte vor der Brust. Die Aufträge für die Nordmeyer Bohrgeräte, die Schleppschaufelbagger für die Weserhütte und die Betonmischanlagen für Kabag kann nur ICH bei der Preiskontrollbehörde durchboxen!“ „Wie denn durchboxen??“ „Fasi, du darfst zwar alles essen, du musst aber nicht alles wissen! Sobald die Aufträge durch sind, hau ich ab, versprochen! Außerdem kann ich euch doch nicht alleine hier lassen. Seit ich hier im Iran lebe, seid ihr doch quasi meine Ersatzfamilie. Meine Leute sind sicher in Deutschland und ich telefoniere jeden zweiten Tag mit meiner Frau und beruhige sie. Das Fernsehen in Deutschland übertreibt mal wieder fürchterlich um der Sensation willen und macht eine Horror-Geschichte aus dem Ganzen. Und außerdem …“ „Außerdem was?“ „Außerdem habe ich einen Vertrag mit der Contex hier für den Iran. Da kann ich nicht einfach so mir nichts dir nichts abhauen und den Vertrag zerreißen. Der ist nicht recyclebar! Und außerdem: ausreißen ist nicht meine Art.“ „Ach, du Gutmensch, Herr Kastens, ich verneige mich zutiefst vor dir!“ „Mach keinen Quatsch, Fasi, ich weiß, dass Du lieber auch in den Westen gehen möchtest, als hier unter der Diktatur Khomeinis dich von Tag zu Tag zu zittern. Aber du bleibst ja doch hier, wegen deiner Familie, deinen ganzen Verwandten hier in Teheran, Shiraz und Kerman, und weil der Iran deine Heimat ist. Und weil du eine Verantwortung fühlst, trotz Allem!“

(289 Worte)

Bilder: lizenzfrei aus www.pixabay.com

 

13 Comments

  1. Du/ihr bist/seid geblieben, weil es einen Job zu erledigen gab und du dich subjektiv nicht sonderlich bedroht gefühlt hast, richtig?
    Das kann ich verstehen.
    Ich frage mich, wie es ist, wenn man nicht wegkann oder nicht wegwill. Muss scheußlich sein.
    Liebe Grüße
    Christiane

    1. Ja, Du hast recht. Ich hatte ja einen Vertrag und stand ja auch nicht auf einer Negativliste der Regierung. Wir sind als Deutsche auch unter Khomeini gut behandelt worden, solange wir uns als Gäste gesehen und die „Hausordnung“ befolgt haben. Aber Angst vor den Bomben haben wir schon gehabt. Die Ausfallstraßen waren schon am frühen Nachmittag zu, da hat man dann gewartet. Die Luftabwehr ist dann nach und nach eingestellt worden, um Munition zu sparen. Also Risiko war schon noch dabei. Aber man denkt ja immer, das erwischt nur die anderen.

  2. Erinnert mich an eine Phase meines Lebens in den 80ern, als ich als Übersetzerin für eine Baufirma mit Frachtpapieren und Proformarechnungen für Baustellen im Irak hantierte und nebenbei auch damit, dass die dort vorort tätigen entsandten Kaufleute, Ingenieure und Baustellenleiter ihre ersehnten Privatgüter zugepackt bekamen, und die im Gegenzug davon berichteten, wie es war, dabei zuzusehen, die die gerade im Bau befindlichen oder kurz vor der fertigstellung stehenden Gebäude und Strassen zerbombt wurden. Auch sie meinten, es sei zwar in den jeweiligen Momenten des Alarms erschreckend, aber besser auszuhalten als die deutsche Berichterstattung glauben machte. Vermutlich lag die Wahrheit in der Mitte zwischen angemessener Furcht und Zweckoptimismus?

  3. Ist schwer sich vorzustellen, aber Bedrohung ist meist mehr ein Gefühl als ein Fakt.
    Ein Bekannter von mir aus Syrien meinte mal, dass er das Gefühl hat, dass die Deutschen mehr Angst vor ihm haben als er jemals vor Bomben.
    Grüße, Katharina

      1. … ein Ausreisevisum bekommen und bei der Firma BOMAG (großer deutscher Hersteller von Strassenwalzen) einen Job als Verkaufsleiter Naher Osten bekommen. Offensichtlich war ich ihm ein guter Lehrmeister. Wir haben dann noch ein paar Jahre Kontakt gehabt, aber als ich aus dem Baumaschinengeschäft raus bin, ist der Kontakt nach und nach eingeschlafen. Ich weiß, dass er seine Familie in Teheran die ganze Zeit finanziell unterstützt hat. Wo er sich jetzt aufhält, weiß ich nicht.

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