ABC-Etüden 01-02.22 – Entwicklung


Link zu Christianes Schreibeinladung

Entwicklung

 

„Du, Opa, ich weiß ja was Hoffnung ist, nämlich wenn ich montags zu euch komme und fest damit rechne, dass ich von euch einen kleinen Zuschuss zum Taschengeld bekomme. Aber neulich habe ich gelesen, es gäbe einen Hoffnungsschimmer, dass der Hunger auf der Welt in der nächsten Dekade besiegt sein werde. Was ist denn ein Schimmer?“

„Ja, du alter Lausebengel. Oma und ich sind zum Beispiel deine Hoffnungsträger. Weil du nämlich die Hoffnung in uns setzt, dass wir immer am Montag mit der Penunze rüber kommen, obwohl du keinen Schimmer davon hast, wie schwer uns das manchmal fällt. Wegen der kleinen Rente nämlich, die wir kriegen, nur weil Oma nicht gearbeitet hat, sondern für euch Kinder da sein wollte!“

„Aber Opa, ich denke sie hat immer was dazu verdient, weil sie für andere Leute genäht hat!“

„Ja, Werner, das ist wohl richtig. Aber statt Geld hat sie meist nur gute Worte für ihre Arbeit bekommen. Und die Hoffnung auf ehrliche Entlohnung ist über die Jahre immer kleiner geworden, sozusagen weggeschmolzen und hat nur noch wie ganz von fern manchmal etwas geblinkt.“

„Jetzt verstehe ich, Opa. Aber habt ihr denn nichts dagegen unternommen, dass man sie so betrogen hat?“

„Du, damals, als wir jung waren, da war man zu Bescheidenheit und Demut erzogen worden. Sogar in der Kirche haben sie das jeden Sonntag gepredigt: Wenn dich einer schlägt, dann halte ihm auch die andere Wange hin. Oder so ähnlich hat es wohl in der Bergpredigt geheißen. Und so haben wir das dann alles als von Gott gewollt  hingenommen, mein Junge.“

„Aber Opa, ich halte das für unverzeihlich, wie die Bessergestellten sich damals benommen haben! Ich hätte mir das nicht gefallen lassen!“

„Tja, mein Junge. Das waren halt andere Zeiten damals. Und sei du nur froh, dass wir zumindest daraus gelernt haben!“

(300 Worte)

 

 

10 Comments

  1. Andere auszubeuten ist immer so eine Sache und wird eigentlich höchstens innerhalb der Familie nicht so bezeichnet 🤔
    Sag mal, wie lange gab es dies „für andere nähen“ eigentlich noch? Sind wir da schon nach dem Krieg? Warst du der kleine Werner, der sich bei Opa und Oma einen Zuschlag zum Taschengeld geholt hat, oder war das alles fiktiv? 🤔😉
    Danke dir, dass du auch dieses Jahr wieder mitschreibst! Bin sehr gespannt, wohin uns die Etüden dieses Jahr führen werden! 😁👍
    Abendgrüße 😁🌧️🐅☕🍪👍

    1. Nein, das war alles authentisch, liebe Christiane. Mit dem Nähen und auch mit der Taschengeld-Runde. Das war alles nach dem Krieg und bis ich so 12 Jahre alt war, d.h. bis Mitte/Ende der 50er.

      1. Danke dir, dann passt das in meiner Vorstellung wieder. Ich war zuerst ein bisschen irritiert, weil ich deine Opa-Fritz-Geschichten viel humoriger in Erinnerung habe. 👍

        1. Ein wenig Ernst muss auch manchmal sein, sonst passt das nicht ins Leben. Und ab und zu muss man sich auch in Erinnerung rufen, wie man gewachsen ist und wie wir uns von schreiben können in dem Land,wo wir leben.

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