ABC-Etüden 40-41.2022 – Sekundenstil


Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay

Sekundenstil

 

Man fasst den Entschluss nach langer und reiflicher Überlegung, einen Text am Computer zu schreiben. Also geht man bedächtig an seinen Schreibtisch, der wie immer links unter dem Fenster steht, prüft, ob die Stromzufuhr über das vorhandene doppeladrige weiße Kabel eingesteckt ist.  Und, nachdem man sich bequem in den davor in seinen in der richtigen rechtwinkligen Position zum Schreibtisch platzierten Sessel gesetzt hat, lehnt man sich behäbig zurück, überdenkt noch einmal sein Konzept für den Text und bestätigt sich noch einmal: „Ja, den Text will ich definitiv so schreiben!“. Dann betätigt man mit spitzem Zeigefinger der rechten Hand die mit einem Symbol gekennzeichnete On-Taste an dem Rechner. Der darüber hinaus mit einer blauen Ringlampe versehene Schalter zeigt an, dass Strom fließt. Nach einer gewissen Zeit erscheint auf dem Bildschirm von 30×18 cm Größe die Nachricht in weißer Schrift vor blauem Hintergrund: „Computer wird hochgefahren“. Man vergewissert sich innerlich, ob das die angebrachte und somit verbindliche Ansage ist und wartet geduldig auf weitere Angaben, die sich auf dem Bildschirm sichtbar machen. Auch wenn einen jetzt das Gefühl übermannen sollte, dass man durch unnützes Warten in Summe über die Jahre einen nicht unerheblichen  Teil seiner Lebenszeit verprasst, so harrt man dennoch geduldig weiter, dass sich nun die kleinen Icons zeigen, die nacheinander aufploppen und derer man sich bedient, um schnell das gewünschte Programm zu suchen, mit dem dreieckigen Lichtcursor anzufahren, um dann so etwas wie ein leeres weißes  Schreibblatt zu sehen, in welches man über eine sechsreihige schwarze Tastatur Buchstaben und Befehle nacheinander eintippen kann. Wenn man dann in Zeitlupe das bisher Vorgenommene noch einmal an sich vorbeiziehen lässt, dann ist man in der Tat bereit, in kräftigen Anschlägen seine Gedanken zu formulieren und – je nach Fähigkeit – im Zwei-Finger-Adler-Suchsystem oder flink im Zehn-Finger-System auf das Blatt zu übertragen.

 

(296 Worte)

 

P.S.:

Unter Zeitlupe versteht man in der Literatur den sog. Sekundenstil, der akribisch genau jede einzelne Tätigkeit beschreibt.

 

Wikipedia sagt uns dazu:

„Was versteht man unter Sekundenstil?

Sekundenstil ist die Bezeichnung für eine in der epischen Dichtung des Naturalismus erstmals entwickelte Technik, deren Ziel die volle Deckungsgleichheit von Erzählzeit und erzählter Zeit war. Dabei wurden Sinneswahrnehmungen, Bewegungen oder Bildfolgen „sekundengenau“ erzählend registriert.

 

Was ist das Ziel des Naturalismus?

Der Naturalismus hatte das Ziel, die empirisch fassbare Wirklichkeit naturgetreu darzustellen und auf die subjektive Deutung von Wirklichkeit durch den Künstler/Dichter zu verzichten.“

15 Comments

  1. Ich schwöre, die Zeit, die du zum Niederschreiben gebraucht hast, war länger als die erzählte Zeit – wobei: Wie schnell fährt noch mal dein Rechner hoch? 😉
    Interessant, einerseits, als Experiment, aber jeden Piepser niederzuschreiben bzw. zu lesen fand ich schon immer extrem ermüdend, selbst von Leuten, die dafür mit Preisen überhäuft werden … 🤔
    Nachmittagskaffeegrüße 🌤️🍃🌻☕🍪👍

    1. Ja, das hat schon gedauert, denn man muss sich die Abläufe ja mehrmals in Erinnerung rufen, damit man detailreich schreiben kann. War mühselig. Aber da wir ja Etüden schreiben sollen, also Übungsstücke im eigentlichen Sinne, muss man dann wohl oder übel sich auch einmal an andere Stile heranwagen. Aber das wird nicht meiner, ich schwör.

  2. Gemäßigten aber detailreichen Sekundenstil mag ich recht gerne wenn es darum geht Atmosphäre zu schaffen. Ich mag auch literarischen Naturalismus sehr. Und in diesem Sinne gefällt mir dein Text. Ich weiß nicht warum, aber die Beschreibung der Position des Sessels gefällt mir besonders.

  3. Interessant zu lesen. Es gab ja wirklich mal Zeiten, wo man den PC angeschaltet hat und dann erst einmal die Kaffeemaschine in Gang gebracht hat, bis er hochgefahren war – daran erinnert es mich.
    Ich mag auch den Schreibtisch, der brav dort steht, wo ihm der Platz zugewiesen wurde, statt sich einen anderen auszusuchen. Mir geht bei der Vorstellung wohl noch mein bockiger Blogpapierkorb nach.🙂

  4. Ich lese oft, nachdem ich ein Blogartikel gelesen habe, die Kommentare und ich kann nur sagen, ich bin völlig deren Meinung! Diese ABC-Etüde ist anders, speziell und ich liebe (fast) alles was anders und speziell ist, aber diesen Text finde ich wirklich super!

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