Deutsche Balladen – Die Brueck am Tay


Christiane lädt zum Montag als Balladen-Tag ein.

Balladen haben mich seit meiner Schulzeit immer wieder fasziniert. Und es ist sicherlich nicht übertrieben zu sagen, dass ich die klassischen Balladen so gut wie alle auswendig kannte und z.T. heute noch (zumindest auszugsweise) hersagen kann.

Das lag daran, dass – ich muss schon sagen – Glück hatte, einen Deutschlehrer zu bekommen, dem es in allererster Line im Unterricht um Balladen und Gedichte ging. Er war sog. Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft und hat uns vermittelt, dass er die lange Gefangenschaft und Isolierung nur psychisch überlebt habe, weil er sich eben an Gedichten und Balladen festgehalten habe. Und so war er der Meinung, dass sei auch gut für uns, so vorbereitet in das Leben zu gehen und für schlechte Zeiten, die vielleicht einmal wieder kämen, gewappnet zu sein.

Selbst die längste Ballade, die ich kenne, die „Glocke“ von Schiller haben wir auswendig gelernt und konnten sie wirklich von Anfang bis Ende auswendig.

Für den heutigen Re-Start von Christianes Balladen-Tagen habe ich eines meiner Lieblingsballaden von Theodor Fontane herausgesucht. Die haben mich schon immer fasziniert. Vor allem der etwas mystische Anfang und das Ende.

 

Von Autor/-in unbekannt – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3144436

Die Brück‘ am Tay.

»Wann treffen wir drei wieder zusamm‘?«
»Um die siebente Stund‘, am Brückendamm.«
»Am Mittelpfeiler.«
»Ich lösch die Flamm‘.«
»Ich mit.«
»Ich komme vom Norden her.«
»Und ich vom Süden.«
»Und ich vom Meer.«

»Hei, das gibt ein Ringelreihn,
und die Brücke muß in den Grund hinein.«
»Und der Zug, der in die Brücke tritt
um die siebente Stund‘?«
»Ei, der muß mit.«
»Muß mit.«
»Tand, Tand
ist das Gebild von Menschenhand.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus –
alle Fenster sehen nach Süden aus,
und die Brücknersleut‘, ohne Rast und Ruh
und in Bangen sehen nach Süden zu,
sehen und warten, ob nicht ein Licht
übers Wasser hin »ich komme“ spricht,
»ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
ich, der Edinburger Zug.«

Und der Brückner jetzt: »Ich seh einen Schein
am andern Ufer. Das muß er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
unser Johnie kommt und will seinen Baum,
und was noch am Baume von Lichtern ist,
zünd alles an wie zum heiligen Christ,
der will heuer zweimal mit uns sein, –
und in elf Minuten ist er herein.«

Und es war der Zug. Am Süderturm
keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
die bleiben Sieger in solchem Kampf,
und wie’s auch rast und ringt und rennt,
wir kriegen es unter: das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück‘;
ich lache, denk ich an früher zurück,
an all den Jammer und all die Not
mit dem elend alten Schifferboot;
wie manche liebe Christfestnacht
hab ich im Fährhaus zugebracht
und sah unsrer Fenster lichten Schein
und zählte und konnte nicht drüben sein.«

Auf der Norderseite, das Brückenhaus –
alle Fenster sehen nach Süden aus,
und die Brücknersleut‘ ohne Rast und Ruh
und in Bangen sehen nach Süden zu;
denn wütender wurde der Winde Spiel,
und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel,
erglüht es in niederschießender Pracht
überm Wasser unten… Und wieder ist Nacht.

»Wann treffen wir drei wieder zusamm‘?«
»Um Mitternacht, am Bergeskamm.«
»Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«
»Ich komme.«
»Ich mit.«
»Ich nenn euch die Zahl.«
»Und ich die Namen.«
»Und ich die Qual.«
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand«

Textquelle: https://www.projekt-gutenberg.org/fontane/gedichte/chap006.html

Weitere Info:

https://www.welt.de/geschichte/article223180564/Eisenbahn-Unglueck-In-einer-langen-Spur-war-der-Feuerstrahl-zu-sehen-bis-zu-seinem-Verloeschen.html

10 Comments

  1. Guten Morgen, lieber Werner, wie schön, dass du mitmachst, danke! Hast du denn eine Lieblingsballade? Danke für das Teilen deiner Erinnerungen, ich kann absolut gut verstehen, dass man sich an Gedichten und Balladen psychisch festhalten kann: Der Mensch lebt eben doch nicht vom Brot allein.
    Anmerkungen: 1. Ich verlinke dich bei mir bei meinem heutigen Eintrag. 2. Du hast ein Typo drin: Die Ballade ist von Fontane, nicht von Eichendorff. 3. Die WELT ist hinter einer Paywall, wer nicht mit Adblocker etc. surft, kann den Artikel möglicherweise nicht lesen (was für eine Sauerei – es gibt übrigens einen Wikipedia-Eintrag dazu, den ich verlinkt hatte, ich hatte die Brück’ am Tay auch schon).
    Ganz herzliche Feiertagskaffeegrüße! ⛅🍁☕🍪🍂👍

    1. Hallo Christiane, habe das mit Fontane korrigiert, weiss auch nicht, wieso ich Eichendorff angeführt hatte.

      Lieblingsballade dürfte die Kraniche des Ibikus sein.
      Aber es gibt noch etliche, die ich jetzt Montags einstellen werde, so nach und nach, aber nicht mit soooo viel Hintergrundwissen wie Du. Da erschauert man ja vor Ehrfurcht!

      Ansonsten: bei uns in Hessen leider kein Feiertag. Macht aber ja nix.

      Gruß zurück.

      1. Werner, ich möchte durchaus nicht jeden Montag zum Balladentag machen, mein Hintergrundwissen ist zum großen Teil auch angelesen. Aber ich kündige es gern vorher an, damit du rechtzeitig Bescheid weißt. Nächsten Montag NICHT! 😉
        An die Kraniche des Ibykus hatte ich auch schon gedacht … Hmmmmmmm … 🤔
        Ach, es gibt so viele schöne Balladen! 🧡

  2. Tand, Tand
    ist das Gebild von Menschenhand.
    Alles wie Sand,
    zerronnen leicht !

    Ich kannte das Gedicht nicht
    was bin ich für ein Wicht
    dank Dir
    so freu ich mir
    hab ichs gelesen
    das war es nicht gewesen
    es leuchtet nach
    ach Du Ungemach
    Brücken und Träume
    sind keien Schäume!

    Lieben Montagsgruß
    Gerhard

  3. Das erinnert mich an meine Realschulzeit, in der wir u. a. diese Ballade neben Schillers (ich meine zumindest, dass es von ihm ist?) „Der Handschuh“ lernen mussten. Und die Stelle „Tand, Tand, ist das Gebild von Menschenhand“ ist mir als eine der wenigen Stellen in Erinnerung geblieben.

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