abc-etüden 04.05.19 – Salatschüssel


Etüden 2019 04+05 | 365tageasatzaday

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2019/01/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-04-05-19-wortspende-von-myriade/

 

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Davon hatte er ein Leben lang geträumt und sich alles in den schönsten Farben ausgemalt: einmal in England bei den seiner Meinung nach zwei wichtigsten Renn-Ereignissen dabei zu sein. Dem legendären „Triple Crown“ und dem „Royal Ascot Festival“. Beides Flachrennen. Seine Frau fieberte diesen prestigiösen Veranstaltungen ebenso entgegen wie er. Nur war sie nicht an dem Pferde- und Wettsport interessiert, sondern einzig an dem gesellschaftlichen Event, den diese Rennen boten. Sie betrachtete das als Eintrittskarte in die erlauchtesten Kreise Englands. Entsprechend musste vorgesorgt werden. Schon vor zwei Jahren hatte sie Kontakt aufgenommen mit Philip Treacy, dem einflussreichsten Hutdesigner in Britannien, der auch für das Königshaus arbeitete. Seine Warteliste war extrem lang, aber mit Hilfe eines befreundeten EU-Politikers aus Brüssel war es ihr gelungen, als potentielle Kundin akzeptiert zu werden. Gerade gestern hatte sie einen ersten Entwurf des Meisters erhalten: ein fächerförmiger Strohhut mit herabfallenden seidigen Bändern. Ein Preis wurde nicht genannt, das entsprach nicht dem Stil des Hauses. Entweder man wollte einen Treacy, dann bezahlte man auch bei Lieferung die verlangte Summe. Als ihr Mann verächtlich fragte: „Und diese Salatschüssel willst du dir aufsetzen?“, hatte sie nur ein müdes Lächeln übrig. Sie wusste, er würde die Rechnung übernehmen, nur um mit ihr in Epsom und Ascot den Aufgalopp erleben zu dürfen. Sie wusste um seinen Lebenstraum, aber sie wusste auch, wie sie ihn für sich selbst nutzbar machen konnte. Ihr Ziel war, ihr einzigen Sohn und Erben des Immobilienimperiums seines Vaters für die Zeit nach dem Brexit in Position zu bringen.

(251 Worte)

Bildquellen: www.pixaby.de und https://www.philiptreacy.co.uk/en

 

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15 Comments

  1. So gehört sich das.
    So wird man was.

    Du hast mit deiner Geschichte meinen sich entwickelnde Salatschüssel-Kata-Strophen den Wind aus den Segeln genommen. Nun muss ich mir was anderes einfallen lassen. 😉

  2. Boah (die Hüte)! Geile Geschichte, lieber Werner, ich stimme Gerda zu: So wird man was. Und dass Ehen nicht nur aus purer Liebe bestehen: geschenkt. Anders wäre es ja auch langweilig für die Leser. 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

  3. So kommen alle auf ihre Kosten. 😉
    Und lieber eine Salatschüssel, als gar keine Kopfbedeckung, denn das wäre ein absolutes No-go bei diesen Anlässen. 😀

  4. Na, wenn das kein Indiz dafür ist, dass Frauen clever sind … :))
    Und tolle Bilder hast du ausgesucht, wobei der rote und weiße Hut auch Ähnlichkeit mit Lampenschirmen haben, findest du nicht auch?

  5. Ich glaube, ich würde lieber eine Salatschüssel tragen. Wenn sie durchsichtig ist, sieht man wenigstens noch wo man hinläuft. 😉 Ein interessanter Einblick in diese doch befremdliche Lebenswelt.
    Grüße, Katharina.

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