ABC-Etüden 06-07.22 – Dopplung


Bild von mohamed Hassan auf Pixabay 

Gerda beschäftigt sich in letzter Zeit mit dem Nachzeichnen von alten Portraits, kann aber die „Seele“ des ursprünglich Gemalten dabei nicht noch einmal in gleicher Weise umsetzen. Das mag an den verschiedenen Techniken liegen, die sie anwendet; das mag daran liegen, dass die persönliche Nähe und das Mitempfinden mit dem Modell fehlt, die besondere Aura des Moments; das mag daran liegen, dass man den Menschen, den man damals gemalt hat, heute eventuell anders sieht und sein Tun anders interpretiert und das mag auch daran liegen, in welcher Verfassung, in welcher Stimmung man z. Zt. ist.

Und da kam mir der Gedanke, dass sicherlich auch der Titel, den der Verfasser einem Werk zuschreibt, mit Einfluss darauf hat, wie wir das Werk empfinden und in welche Richtung wir es interpretieren.

Gilt Ähnliches auch für Texte? Wenn ich also in meinem Falle umgekehrt zwei inhaltsgleiche geschriebene Geschichten präsentiere, aber mit verschiedenen Titeln versehe: würde man dann das Gesagte auch anders einordnen und in eine andere Richtung interpretieren?

Versuchen wir es einmal:

Entscheidung

„Wenn Du nichts mehr für mich fühlst, Jakob, dann bleibt mir nichts anderes, als Dich zu verlassen!“

„Ja, wander doch aus, Adelheid. Geh doch zu Deinesgleichen, Du dumme Gans. Dort kannst Du Deinen Zwergenaufstand fortführen gegen die ‚Ach-so-böse-Besser-Wisser-Welt‘!“

„Und Du kannst Dir ja noch mal überlegen, Jakob, ob es notwendig ist, wegen C in jedem Zimmer einen Querlüfter zu installieren. „Fenster auf“ wäre klüger gewesen, weil man dann eher fühlt, wie einem frische Luft von draußen gut tut, statt nur quer gepumpter Mief!“

„Als wenn Du überhaupt die Tragweite nur ansatzweise verstehen würdest, Adelheid! Seit zwei Jahren versuche ich Dich zu überzeugen, die Pandemie ernst zu nehmen und Dich zu schützen, alle Fremdkontakte einzustellen, stündlich Deine Hände zu desinfizieren und auch beim Schlafen die FFP2-Maske oder zumindest eine OP-Maske aufgesetzt zu lassen. Ist das denn so schwer, alle Viertelstunde zu gurgeln und nicht mehr mit der Postbotin an der Tür ungeschützt ein elend langes Schwätzchen zu halten?!“

„Mein lieber Jakob. Deine Versuche in Ehren. Aber ich entscheide immer noch selbst, was für mich gut ist oder nicht. Und die andauernde Bevormundung durch Dich und die Presse und die sog. Experten kann ich nicht mehr ertragen. Ich kann gut für mich selbst sorgen und alleine entscheiden, ob ich mich durch die ewig-gleichen ‚Argumente‘ der sog. Mehrheit einlullen lassen will. Ich gehe jetzt, auch wenn Dir das quer im Magen liegt. Fühl Dich auf Abstand ein letztes Mal gedrückt, Du alter Giftzwerg!“

oder 

Kollateralschaden

„Wenn Du nichts mehr für mich fühlst, Jakob, dann bleibt mir nichts anderes, als Dich zu verlassen!“

„Ja, wander doch aus, Adelheid. Geh doch zu Deinesgleichen, Du dumme Gans. Dort kannst Du Deinen Zwergenaufstand fortführen gegen die ‚Ach-so-böse-Besser-Wisser-Welt‘!“

„Und Du kannst Dir ja noch mal überlegen, Jakob, ob es notwendig ist, wegen C in jedem Zimmer einen Querlüfter zu installieren. „Fenster auf“ wäre klüger gewesen, weil man dann eher fühlt, wie einem frische Luft von draußen gut tut, statt nur quer gepumpter Mief!“

„Als wenn Du überhaupt die Tragweite nur ansatzweise verstehen würdest, Adelheid! Seit zwei Jahren versuche ich Dich zu überzeugen, die Pandemie ernst zu nehmen und Dich zu schützen, alle Fremdkontakte einzustellen, stündlich Deine Hände zu desinfizieren und auch beim Schlafen die FFP2-Maske oder zumindest eine OP-Maske aufgesetzt zu lassen. Ist das denn so schwer, alle Viertelstunde zu gurgeln und nicht mehr mit der Postbotin an der Tür ungeschützt ein elend langes Schwätzchen zu halten?!“

„Mein lieber Jakob. Deine Versuche in Ehren. Aber ich entscheide immer noch selbst, was für mich gut ist oder nicht. Und die andauernde Bevormundung durch Dich und die Presse und die sog. Experten kann ich nicht mehr ertragen. Ich kann gut für mich selbst sorgen und alleine entscheiden, ob ich mich durch die ewig-gleichen ‚Argumente‘ der sog. Mehrheit einlullen lassen will. Ich gehe jetzt, auch wenn Dir das quer im Magen liegt. Fühl Dich auf Abstand ein letztes Mal gedrückt, Du alter Giftzwerg!“

(jeweils 240 Worte)

Habt Ihr gefühlt einen Unterschied in Eurer Interpretation bemerkt?

 

Wie man sieht, funktioniert es auch im Kleinen, nicht nur bei den Großen wie z.B. bei der Zeitung, die vorgibt mit Bildern zu arbeiten. Aber wir kennen es ja auch aus der Politik: „Keiner hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, „America first“, „Mehr Sicherheit für unsere Frauen und Töchter“ (AfD), „Der Islam? Passt nicht zu unserer Küche“ (AfD). Und so werden in Reden, Plakaten, Artikeln, Abhandlungen Titel abgefeuert, die uns in eine Richtung denken lassen sollen. Oder man schießt mit Raketen Titel in den leeren Himmel, wie Kim Jong-un. Oder wir hauen zuhause auf die Pauke oder retten die Welt an Stammtischen.

Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay 

13 Comments

  1. Hihi, ich fühle mich geehrt und schlage einen dritten und vierten Titel für deine Etüde vor: „Zwergenaufstand“ und „wann wird man je verstehen“. Diese Reihe liesse sich natürlich fortsetzen, zB „Jakob und das Linsengericht“ 😉

  2. Nein, ich habe bei mir keinen Unterschied bemerkt, der durch die Überschrift ausgelöst wurde, aber ich bin sicher, dass das funktioniert. Es würde mich interessieren, ob das an mir liegt oder an dem Text; kennen tue ich es von Bildern oder Fotos, wo ich bei der Frage, wie das „gemeint“ ist, immer gern auf den Titel schaue.
    Ansonsten musste ich doch sehr grinsen 😎😁👍
    Abendgrüße 😉🌬️🌧️🍷🍪👍

    1. Muss dann wohl an dem Text liegen, der nicht als Corona-Beitrag gedacht war, aber vielleicht zu sehr in Gedanken mitspielt.
      Ansonsten: schöne Abendgrüße. Sturm hat sich hier beruhigt (nur noch nicht im Gin-Tonic-Glas)

    2. Bei mir hat es auch nicht gefunzt. Ich glaube, das liegt am Setting des Experiments:
      Erstens wusste man ja schon vorher, was auf einen zukommt, und das könnte den Effekt schon zerstören.
      Zweitens hat man ja nach dem ersten Lesen schon eine Interpretation im Kopf, die dann beim zweiten Mal trotz neuer Überschrift nicht weichen will. Da kann dann wahrscheinlich keiner mehr sagen, wie er den Text interpretiert hätte, wenn er ihn zuerst mit der zweiten Überschrift gelesen hätte…
      Aber ich bin auch davon überzeugt, dass ein Titel die Wahrnehmung von vornherein auf ein bestimmtes Gleis setzt. Und nicht nur Titel, auch andere Etiketten, die bestimmten Dingen angeheftet werden.
      Z.B. ob man Bilder von Soldaten und Panzer unter dem Etikett „Truppen-Übung“ sieht oder unter der Bezeichnung „Truppen-Aufmarsch“. Damit will ich keine politische Meinung ausdrücken, aber an diesem Thema ist mir das in letzter Zeit auch aufgefallen.

  3. Ich habe mich sehr bemüht, aber ich konnte für mich keinen Unterschied feststellen. Wobei ich es auch sehr anstrengend finde, den Text durch den Hintergrund regelrecht suchen zu müssen…tut mir sehr leid!
    es könnte aber auch am thema selbst liegen, das für mich so oft gedreht und gewendet wurde, dass ich es einfach nicht mehr „hören“/lesen kann.

  4. Ich glaube, das ist schwierig, weil man es vorher weiß. Trotzdem hast du sicher recht, man bräuchte für je eine Überschrift 2 Leser, die ihre Erfahrungen dann austauschrn können.

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